Eine Mutter schrieb mir privat. Ich hatte einst ihr Kind In der Kita (Nachbargruppe). Ihr Sohn ist sieben, Autist, und er liebt Buchstaben. Er wollte so gern in die Schule. Doch die Schulbegleitung wurde nicht bewilligt. Erst Antrag, dann Ablehnung, dann Widerspruch. Lange Monate vergingen. Jeden Morgen stand er mit seinem Ranzen an der Tür und fragte: „Heute?“ Und jeden Morgen musste sie Nein sagen. Irgendwann hat er aufgehört zu fragen. Den Ranzen räumte er tief in den Schrank. Das nennt ihr Bildungsgerechtigkeit? In seiner Förderschule hat er bis heute nur gelernt, dass er unerwünscht ist.
@LordCaramac
Ich hab 1989 ne ADHS-Diagnose und nen Grundschulverweis bekommen (Zitat Rektor: "Mir egal was mit dem Jungen ist, hier hat er das umzusetzen was wir ihm sagen oder ich habe ihn ganz schnell auf eine Sonderschule abgeschoben."). Dann kam Sonderschule und Heimunterbringung, am Ende hatte ich einen Realschulabschluss mit 3,6. Medikation und Therapie gabs erst mit Anfang 40 als ich im Nachlass meiner verstorbenen Mutter einen Aktenordner mit der Diagnose gefunden habe und mir plötzlich klar wurde, was in meinem Leben schief läuft und warum ich mit einer Depression in Langzeittherapie bin. In der Akte waren auch die Ergebnisse von IQ-Tests aus der Diagnostik. Ich habe in einem der Tests den bisherigen Maximalwert übertroffen (wie auch immer das gehen soll). Fazit der Psychologen: Der Junge kann, wenn er will. Er will nur nicht.
Ich will nicht wissen wieviel Potential wir als Gesellschaft einfach ungenutzt vergammeln lassen und immer noch verlieren, weil neurodivergente Menschen nicht in die neurotypischen Strukturen reinpassen.
@Lancker
@Lancker Mich haben sie damals 1981 in die Grundschule gesteckt und nach zwei Wochen wieder rausgeholt und in die Vorschule gesteckt, weil ich mich ständig an einer einzigen Sache aufgehalten habe und weiter Buchstaben geschrieben, auch wenn die anderen längst irgendwelche anderen Sachen gemacht haben. In der Vorschule haben sie mir dann ein Jahr lang beigebracht, was Schule überhaupt ist und wie man sich dort zu benehmen hat, bevor sie mich dann 1982 wieder in die Grundschule gesteckt haben.
Was soll ich sagen? Ich habe in der Schule praktisch nie etwas gelernt, bis zum Abi nicht (und ich habe ein Abi mit 1,5 gemacht). Ich habe mir nämlich alles schon Jahre früher, bevor es in der Schule drankam, autodidaktisch selbst beigebracht aus Büchern. Und das Abi mit 1,5 hat mir auch nichts geholfen -- das Studium habe ich irgendwann abgebrochen, weil ich einfach nicht in der Lage war, mit dem unübersichtlichen Unibetrieb und den schrecklich vielen Menschen klarzukommen, die Uni-Bürokratie hat mich dann endgültig in den Burnout gedrückt. Ich war nie irgendwo abhängig beschäftigt, und mit selbständiger Tätigkeit komme ich nie auf genug Geld, um davon ernsthaft leben zu können. Diese Welt ist nicht für Menschen gemacht, die im Kopf anders verdrahtet sind als die Mehrheit.
EDIT: Korrektur, ich wurde natürlich 1981 zuerst eingeschult und dann 1982 zum zweiten Mal. Ich war wohl etwas verpennt, als ich das getippt habe.