@AwetTesfaiesus @PMadlener
1/ Geschichten wo die einfache Bevölkerung selber sich gegen die "Obrigkeit" erhebt, sind in der deutschen Sagenwelt tatsächlich relativ selten. Was verständlich ist - "aufrührerische Geschichten" zu erzählen, könnte schlimme Konsequenzen zur Folge haben.
Stattdessen wurde Gerechtigkeit an jenseitige Mächte "outgesourct" - entweder erteilte den Übeltäter eine göttliche Strafe, oder der Teufel bekam die Erlaubnis, den Schurzen für seine Sünden zu malträtieren. Viele der Geschichten vom letzteren Stil lesen sich wie Rachefantasien. So zum Beispiel die Geschichte "Die feuersprühenden Kirschen":
Ein boshafter Adeliger, der Misfallen an einem seiner Leibeigenen gefunden hat, ordnet an daß dessen schöne Tochter ab dem nächsten Tag auf seinen Schloss als Dienstmagd arbeiten soll, was die Geschichte als schreckliches Schicksal impliziert.
Der Leibeigene fleht in an, davon abzulassen. Der Adelige spottet ihm, und sagt ihm schließlich, daß er stattdessen einen kompletten Kirschbaum mit allen Kirschen vor Mitternacht auf sein Schloss bringen soll, damit seine Gäste frische Kirschen essen können - ein unmögliches Unterfangen.
Der Kirschbaum wird allerdings doch geliefert - jedoch nicht vom Leibeigenen, sondern vom Teufel selbst, der dann den Adeligen und die anwesenden Gäste zwingt, die Kirschen zu essen, welche sich dann in ihren Hälsern in unauslöschliche Flammen verwandeln...
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