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Das Fediverse ist viel mehr als nur ein weiterer Social-Media-Kanal

Das Fediverse wird noch immer häufig wie ein weiterer Social-Media-Kanal betrachtet. Doch genau das greift zu kurz. Ein paar Gedanken zur Diskussion mit Kai Rüsberg ( @Ruhrnalist) zum #FediLabDay.
Federation Bot

Das Fedi­ver­se wird noch immer häu­fig wie ein wei­te­rer Social-Media-Kanal betrach­tet. Doch genau das greift zu kurz. Ein paar Gedan­ken zur Dis­kus­si­on mit Kai Rüs­berg (@Ruhrnalist) zum #FediL­ab­Day.

Vie­le Ver­ant­wort­li­che im Medi­en­be­reich den­ken ver­ständ­li­cher­wei­se in den Logi­ken von Insta­gram, Tik­Tok oder X. Dort wird Erfolg über Reich­wei­te, Inter­ak­ti­on, Klicks und Con­ver­si­ons gemes­sen. Wer Auf­merk­sam­keit erzeugt, gewinnt. Wer kei­ne sicht­ba­ren Reak­tio­nen her­vor­ruft, ver­liert an Bedeu­tung. Die­se Denk­wei­se stößt im Fedi­ver­se aller­dings an ihre Grenzen.

Vie­le Men­schen kon­su­mie­ren dort Inhal­te bewusst, ohne stän­dig zu liken, zu kom­men­tie­ren oder zu tei­len. Stil­ler Kon­sum ist kein Feh­ler des Sys­tems, son­dern Teil sei­ner Kul­tur. Nicht alles, was gele­sen wird, erzeugt auch eine sicht­ba­re Reak­ti­on. Man muss ja nicht liken, um sei­nen Feed zu kuratieren.

Vor allem aber ver­kennt die­se Sicht­wei­se, was das Fedi­ver­se eigent­lich ist.

Social ist heute anders

Social Media ist heu­te nicht mehr das, was es noch vor zehn oder fünf­zehn Jah­ren war. Die gro­ßen Platt­for­men haben sich von Tei­len des offe­nen Webs zu geschlos­se­nen Öko­sys­te­men ent­wi­ckelt. Wer kein Kon­to bei Insta­gram, Tik­Tok, Lin­ke­dIn oder Face­book hat, kann vie­le Inhal­te gar nicht oder nur ein­ge­schränkt sehen. 

Die Mehr­heit der Men­schen hat gar kei­nen Account auf den meis­ten die­ser Platt­for­men:

  • 60 % der Deut­schen nut­zen Insta­gram nicht.
  • 80 % nut­zen Tik­Tok nicht.
  • 90 % nut­zen Lin­ke­dIn nicht.
  • 95 % nut­zen X nicht.

Wer Inhal­te aus­schließ­lich dort bereit­stellt, macht sie für vie­le Men­schen schwer oder gar nicht erreichbar.

Das Fediverse funktioniert grundlegend anders

Das Fedi­ver­se basiert auf offe­nen Stan­dards. Inhal­te kön­nen gele­sen, ver­linkt, geteilt und gefun­den wer­den, ohne dass ein ein­zel­nes Unter­neh­men die Kon­trol­le dar­über besitzt. Es erin­nert damit eher an E‑Mail oder das offe­ne Web als an klas­si­sche Social-Media-Plattformen.

Des­halb hal­te ich es für einen Feh­ler, Mast­o­don und das Fedi­ver­se ledig­lich als zusätz­li­chen Social-Media-Kanal neben Insta­gram oder Tik­Tok zu betrach­ten. Ich bin Mit­glied des Medi­en­rats der Medi­en­an­stalt Ham­burg Schles­wig-Hol­stein und wir spre­chen immer mal wie­der mit pri­va­ten Rund­funk­an­bie­tern. Da ist mir klar gewor­den, wie krass anders Radio und Fern­se­hen funk­tio­nie­ren als die For-Your-Feeds der Platt­for­men. Bei Radio und Fern­se­hen hängt es von jedem Anbie­ter selbst ab, ob er erfolg­reich ist oder nicht. Die Media Broad­cast ver­teilt im öffent­li­chen Auf­trag nach neu­tra­len Regeln nur die Fre­quen­zen. Die sagen nicht, dass sie mehr moder­nen Schla­ger haben wol­len und dre­hen dann die Reich­wei­te von Rock-Sen­dern run­ter. So ist das auch im Fedi­ver­se. Nur ohne Lizenz- und Frequenzvergabe.

Für den öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk könn­te das Fedi­ver­se ein eigen­stän­di­ger digi­ta­ler Ver­brei­tungs­weg sein. Ein Ver­brei­tungs­weg, der ähn­lich unab­hän­gig funk­tio­niert wie Rund­funk selbst.

Mediatheken vernetzen!

Beson­ders deut­lich wird das beim Blick auf die Media­the­ken. tau­sen­de Men­schen besit­zen bereits Accounts bei ARD und ZDF. Trotz­dem bleibt ihre Rol­le dort pas­siv. Sie kön­nen Inhal­te anse­hen, aber nicht ein­mal aus­drü­cken, dass ihnen eine Sen­dung gefal­len hat. Wer eine Doku­men­ta­ti­on emp­feh­len, eine Serie unter­stüt­zen oder sich mit ande­ren Zuschaue­rin­nen und Zuschau­ern aus­tau­schen möch­te, muss dafür auf kom­mer­zi­el­le Platt­for­men wechseln.

Dabei lie­ße sich das auch anders den­ken: Wenn Media­the­ken über Acti­vi­ty­Pub Teil des Fedi­ver­se wür­den, könn­ten Nut­ze­rin­nen und Nut­zer mit ihren bestehen­den Accounts Sen­dun­gen fol­gen, Emp­feh­lun­gen aus­spre­chen, Dis­kus­sio­nen füh­ren oder Inhal­te in ihre eige­ne Time­line ein­bin­den. Die Unter­hal­tung über öffent­lich-recht­li­che Inhal­te wür­de dann nicht mehr auf Platt­for­men von Meta, Byte­Dance oder X statt­fin­den, son­dern auf einer offe­nen Infra­struk­tur – größ­ten­teils sogar bei den Sen­dern selbst.

Das wäre kein wei­te­rer Social-Media-Kanal. Es wäre die Erwei­te­rung der Media­thek zu einem öffent­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­raum. Ich bin mir sicher, dass Ex-ZDF-Ver­wal­tungs­rats­mit­glied Leon­hard Dobusch (@leonido) dar­über schon län­ger redet. Ich fin­de es nur gera­de nicht.

Gleich­zei­tig sind die Öffent­lich-Recht­li­chen Rund­funk­an­stal­ten so groß, dass ihre Anwe­sen­heit einen gro­ßen Anteil zum Erfolg des Fedi­ver­se bei­tra­gen und den Weg auch für pri­va­te Medi­en berei­ten würde.

Digitalen Souveränität

Gera­de unter dem Gesichts­punkt der digi­ta­len Sou­ve­rä­ni­tät erscheint mir es mit wich­tig, in die­ser Art über das Fedi­ver­se zu spre­chen. Wäh­rend öffent­li­che Ver­wal­tun­gen zuneh­mend auf Freie Soft­ware und offe­ne Stan­dards set­zen, ver­la­gert sich die digi­ta­le Öffent­lich­keit immer stär­ker auf Platt­for­men, deren Regeln in Kali­for­ni­en oder Peking nach rein kom­mer­zi­el­len oder poli­ti­schen Maß­stä­ben fest­ge­legt wer­den. Der öffent­lich-recht­li­che Rund­funk macht sich damit lang­fris­tig von Kon­zer­nen abhän­gig, deren Inter­es­sen nicht zwangs­läu­fig mit dem öffent­li­chen Auf­trag übereinstimmen.

Hin­zu kommt eine Ent­wick­lung, die vie­le noch unter­schät­zen: „Künst­li­che Intel­li­genz“ ver­än­dert die Art, wie Men­schen Infor­ma­tio­nen fin­den. Geschlos­se­ne Platt­for­men wer­den dabei zuneh­mend zu Sack­gas­sen – dort kön­nen und dür­fen die Craw­ler der Anbie­tern nicht suchen. Offe­ne Inhal­te und offe­ne Stan­dards gewin­nen dadurch an Bedeu­tung. Wer auch in Zukunft auf­find­bar und rele­vant blei­ben möch­te, soll­te sei­ne Inhal­te nicht aus­schließ­lich in den Silos gro­ßer Platt­for­men veröffentlichen.

Natür­lich braucht auch das Fedi­ver­se Kenn­zah­len. Aber wenn wir sei­nen Erfolg aus­schließ­lich an Likes, Boosts und Klicks mes­sen, über­tra­gen wir die Logik des Platt­form­ka­pi­ta­lis­mus auf ein Netz­werk, das gera­de als Alter­na­ti­ve dazu ent­stan­den ist.

Das Fedi­ver­se ist des­halb nicht ein­fach ein wei­te­rer Social-Media-Kanal. Es ist ein Bau­stein für digi­ta­le Sou­ve­rä­ni­tät, für eine offe­ne digi­ta­le Öffent­lich­keit und für ein Inter­net, das nicht voll­stän­dig von eini­gen weni­gen Tech­no­lo­gie­kon­zer­nen kon­trol­liert wird.

Wir soll­ten auf­hö­ren zu fra­gen, ob das Fedi­ver­se das nächs­te Insta­gram wer­den kann. Was pas­siert, wenn wir es statt­des­sen als digi­ta­le Infra­struk­tur begrei­fen? Ich mag des­we­gen auch den Begriff „Social Web“ lie­ber als „Fedi­ver­se“, denn das Acti­vi­ty­Pub-Pro­to­koll macht das klas­si­sche Web „social“.

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