Herbst-Newsletter 2026 des Netzwerks für gemeinwohlorientierten Journalismus
Foto: Jade Stephens via UnsplashWas brauchen gemeinwohlorientierte Medien, um nicht nur guten Journalismus zu machen, sondern diesen auch dauerhaft finanzieren zu können? Eine neue Studie liefert dazu erstmals empirische Daten für Österreich. Außerdem in unserem ersten Herbst-Newsletter: Neuigkeiten aus dem Netzwerk, aktuell offene Fördermöglichkeiten und Termine für die kommenden Monate.
Top-Thema: Studie zu gemeinwohl-orientiertem Journalismus in Österreich
Gemeinwohlorientierter Journalismus in Österreich wächst, aber oft auf unsicherem Fundament. Das ist, stark verkürzt, das Ergebnis der Ende August veröffentlichten Studie „Gemeinwohlorientierter Journalismus in Österreich“. Durchgeführt wurde sie vom Presseclub Concordia gemeinsam mit der ERSTE Stiftung, wissenschaftlich begleitet vom Medienhaus Wien. Rund 70 Gründer:innen und Vertreter:innen journalistischer Angebote beteiligten sich an Interviews, einer Fokusgruppe und einer Online-Befragung.
Die Studie versteht unter gemeinwohlorientierten Medien journalistische Angebote, die ihre Erlöse überwiegend wieder in unabhängigen Journalismus investieren. Gefragt wurde vor allem danach, welche Hürden solche Medien in Österreich überwinden müssen und welche Unterstützung ihnen dabei tatsächlich helfen würde. Die zentrale Botschaft: Mehr finanzielle Förderung ist notwendig, aber Geld allein löst die strukturellen Probleme nicht.
Fünf zentrale Erkenntnisse der Studie:
- An guten Ideen mangelt es nicht, an stabilen Strukturen schon. In Österreich gibt es zahlreiche innovative journalistische Projekte mit hohem gesellschaftlichem Anspruch. Viele davon verfügen aber nicht über die finanziellen und organisatorischen Voraussetzungen, um dauerhaft eine tragfähige Redaktion aufzubauen.
- Die bestehende Medienförderung erreicht viele gemeinwohlorientierte Medien kaum. Junge, kleine und digital ausgerichtete Projekte haben häufig nur eingeschränkten Zugang zu öffentlichen Förderungen. Die Studie empfiehlt deshalb, die öffentliche Medienförderung stärker für gemeinwohlorientierte Angebote zu öffnen. Finanzielle Unterstützung für Personal und den Aufbau nachhaltiger Strukturen gehört zu den zentralen Bedürfnissen.
- Rechts-, Wirtschafts- und Marketingwissen fehlen besonders häufig. 95 Prozent der Befragten halten Unterstützung bei Rechtsfragen für wichtig oder sehr wichtig. Bei Zielgruppenansprache und Marketing sind es jeweils 74 Prozent, bei betriebswirtschaftlichen Fragen 71 Prozent. Gerade kleine Redaktionen müssen Aufgaben bewältigen, für die größere Medien eigene Rechts-, Marketing- oder Verwaltungsabteilungen haben.
- Gemeinsame Infrastruktur und Vernetzung können Ressourcen sparen. Gut drei Viertel der Befragten wünschen sich mehr Möglichkeiten zum österreichweiten Erfahrungsaustausch. Auch das Lernen von erfolgreichen internationalen Projekten wird stark nachgefragt. Hinzu kommt der Bedarf an geteilter technischer und organisatorischer Infrastruktur sowie an gemeinsam nutzbaren Beratungs- und Backoffice-Angeboten.
- Es braucht ein Unterstützungs-Ökosystem statt einzelner Fördertöpfe. Die Studie empfiehlt eine Kombination aus Finanzierung, Beratung, Kompetenzaufbau, Vernetzung und gemeinsamer Infrastruktur. Dafür braucht es neben öffentlicher Förderung auch Stiftungen und andere private Fördergeber. Denkbar wäre zudem eine niedrigschwellige Anlaufstelle, die Informationen bündelt, Beratung vermittelt und Kooperationen unterstützt.
Vieles davon deckt sich mit Erfahrungen, die zur Gründung des Netzwerks Gemeinwohljournalismus geführt haben. Besonders deutlich wird aber auch: Gemeinwohlorientierte Medien brauchen nicht nur mehr Förderung, sondern Förder- und Unterstützungsstrukturen, die zu ihrer Arbeitsweise passen.
Neues aus dem Netzwerk
an.schläge: Abo-Aufruf für das Weiterbestehen. In der Anfang September erschienenen Ausgabe 5/2026 weist das feministische Magazin auf seine angespannte finanzielle Lage hin und ruft Leser:innen dazu auf, mit einem Abo das Weiterbestehen der an.schläge zu sichern.
Augustin: Verkäufer:innen bekommen eine stärkere redaktionelle Rolle. Im August berichtete der Augustin über seine neue Verkäufer:innen-Redaktion. Sie knüpft an die seit 1995 bestehende Geschichtenwerkstatt an, in der Augustin-Verkäufer:innen selbst Texte verfassen.
ZIMT kämpft um die Zukunft seiner Printausgabe. Das Magazin für psychische Gesundheit hat im Frühjahr eine große Abo-Kampagne gestartet. Hintergrund sind unter anderem Kürzungen bei psychosozialen Kooperationspartner:innen. Ziel sind 1.000 Abos, um auch künftig zweimal jährlich eine Printausgabe produzieren zu können. Wird dieses Ziel nicht erreicht, sollen die Inhalte weiterhin digital erscheinen.
Die Chefredaktion wird Ausbildungspartnerin. Seit Ende Mai steht fest, dass Die Chefredaktion erstmals zu den Partnerredaktionen des 360° Journalist:innen Traineeships der Mediengruppe Wiener Zeitung gehört. Die zwölf Trainees des neuen Jahrgangs starten im Oktober und arbeiten im Laufe eines Jahres in jeweils drei unterschiedlichen Redaktionen.
ORANGE 94.0 muss nach Förderkürzungen Angebote reduzieren. Das Freie Radio hat bereits im April ausführlich beschrieben, welche Folgen die Kürzung der Wiener Basisförderung bereits 2026 hat. Vier von zuvor 13 Teilzeitbeschäftigten mussten gehen, Arbeitszeiten wurden reduziert und Angebote in Medienbildung, Community-Arbeit und digitaler Entwicklung eingeschränkt. Für 2027 ist die weitere Finanzierung des Sendebetriebs weiterhin ungeklärt.
Ausschreibungen und Förderungen
Folgende Calls sind derzeit noch offen und könnten, je nach Rechtsform, Projekt und thematischer Ausrichtung, auch für gemeinwohlorientierte Medien aus Österreich interessant sein:
- Media Forward Fund: Growth Grants Wissenschafts- und Datenjournalismus
Deadline: 18. September 2026. Gefördert werden gemeinwohlorientierte Medien mit bereits bestehendem Wissenschafts- oder Datenjournalismus, die ein erprobtes Angebot, einen Vertriebsweg oder eine Erlösquelle skalieren wollen. Für kleine Medienorganisationen sind Förderungen von in der Regel bis zu 400.000 Euro für zwei Jahre möglich. Auch General-Interest-Medien können sich bewerben, sofern sie bereits eigenen Wissenschafts- oder Datenjournalismus anbieten. - Horizon Europe: „Sustainable paths to media viability“
Deadline: 23. September 2026, 17 Uhr. Der EU-Call sucht neue Ansätze für wirtschaftlich tragfähigen und demokratiestärkenden Journalismus. Insgesamt stehen 12 Millionen Euro zur Verfügung, pro gefördertem Projekt werden 3,5 bis 4 Millionen Euro erwartet. Voraussetzung ist ein internationales Konsortium mit mindestens drei voneinander unabhängigen Organisationen aus drei Ländern; mindestens eine Medienorganisation muss beteiligt sein. Für einzelne kleine Medien ist der Call daher kaum allein zu stemmen, für gemeinsame Netzwerkprojekte aber potenziell interessant. - Journalismfund Europe: European Cross-border Grants
Deadline: 1. Oktober 2026, 13 Uhr. Gefördert werden grenzüberschreitende Recherchen von Teams aus mindestens zwei Journalist:innen beziehungsweise unabhängigen Medien aus mindestens zwei europäischen Ländern. Pro Ausschreibungsrunde stehen insgesamt 280.000 Euro zur Verfügung. Besonders interessant ist der Call für gemeinsame investigative Projekte mit Partnerredaktionen außerhalb Österreichs. - Wiener Medieninitiative: Medienstart
Deadline: 30. November 2026. Die Wirtschaftsagentur Wien unterstützt die Entwicklung wirtschaftlich nachhaltiger journalistischer Medienangebote mit bis zu 10.000 Euro pro Projekt. Die Förderung richtet sich insbesondere an journalistische Gründer:innen und kleine Medienprojekte. Die reguläre Förderung „Medienprojekt“ ist für 2026 dagegen bereits geschlossen und wird erst 2027 wieder ausgeschrieben. - Wirtschaftsagentur Wien: Wissenschaft verstehen
Deadline: 31. Dezember 2026. Für Medien mit wissenschaftsjournalistischen oder wissenschaftsvermittelnden Projekten kann auch diese Schiene interessant sein. Gefördert werden unter anderem Personalkosten, Honorare und Dienstleistungen mit bis zu 60.000 Euro beziehungsweise 75 Prozent der Projektkosten. Einreichen können ausdrücklich auch Vereine und NPOs mit Sitz in Wien.
Außerdem vormerken: Die Wiener Medieninitiative hat eine neue Förderung „Medienkooperation“ angekündigt. In einer ersten Phase sollen ab Herbst 2026 gemeinsame Konzepte von Medienunternehmen mit bis zu 25.000 Euro unterstützt werden; 2027 sollen für große Kooperationsprojekte bis zu 500.000 Euro möglich sein. Ein konkreter Einreichtermin wurde bislang noch nicht veröffentlicht.
Termine
21. September 2026, Wien: „Schöne neue Öffentlichkeit? Journalismus, PR und ihre Verantwortung im digitalen Medienzeitalter“, Podiumsdiskussion im Presseclub Concordia.
23.–24. September 2026, Wien: 33. Österreichische Medientage am Erste Campus.
2.–3. Oktober 2026, Wien: re:publica Vienna im Kulturhaus Brotfabrik. Die erste re:publica Vienna bringt das wichtigste europäische Festival für digitale Gesellschaft, Politik, Technologie und Kultur nach Österreich, Moment.at ist lokaler Host und Mitorganisator.
8. Oktober 2026, Wien: re:think media im MuseumsQuartier. Mit Die Chefredaktion, Augustin und Radio ORANGE 94.0 sind auch mehrere Mitglieder des Netzwerks für gemeinwohlorientierten Journalismus als Partner vertreten.
4. November 2026, Wien: 28. Österreichischer Journalistinnenkongress unter dem Titel „Neustart statt Niedergang: Perspektiven für den Journalismus“. Am Vorabend werden die MedienLÖWINNEN 2026 vergeben.
24. November 2026, Wien: „Demokratie braucht Gegenwind. Warum freie Medien und Zivilgesellschaft unverzichtbar sind“ an der FHWien der WKW, Podiumsdiskussion
Hinweise auf Neuigkeiten aus Mitgliedsmedien, Fördermöglichkeiten oder interessante Termine für eine der nächsten Ausgaben sind jederzeit willkommen.